ayam, tagebuchstaben

blanka beirut: gedanken,ideen, wortgestecke und satzbrechungen zum tage aus libanesisch deutscher schriftstellerinnensicht

Samstag, 10. März 2012

Herzschränke und Schritteregen

CAN BOĞAZDAN GELİR

Die Seele kommt aus der Kehle

(türkisches Sprichwort)

Leises fremdes Vogelweinen in Blanka Beiruts Morgenwohnung. Nervös flattert der Nymphensittich deshalb hin und her, doch es ist ja nur die Seele der Thermoskanne, die gerade zum Wörterhimmel aufsteigt. Mit kleinen Möwenglissandi. Irritierende Klangkonzerte auch im Hausflur. Was wie Baulärm anmutet, ist das Gepolter der Putzfrau. Auf der Straße Blechperkussion ordnender Altwarenhändler und hochpotenzierte Gebetsrufe. Und ein röhrenförmig gesungener Vokal zwischen o und u zerschneidet den Tag in gleichmäßige Stücke.

Später Schritteregen auf den Treppen: Blanka Beirut bekommt Besuch.

Doch vorher müssen die Buchstaben noch Flügelkleidchen kriegen und in die Texte hineinfliegen. Das machen sie aber nicht von selbst, erst als Blanka Beirut ihnen den nahenden Texttod ankündigt, treibt es sie hinein, dahin wo sie fortan im Ensemble singen.

Der Besuch will auf die Wasser der Welten. Also führt Blanka Beirut ihn auf ein Vapurenboot, das von Möwen und einer Quallenkarawane verfolgt wird. Der Besuch füttert die Vögel, deshalb kreschendiert deren Geschrei in ein prestissimo con fouco. Mühelos pickt einer der Sturmvögel außerdem den rosinendicken Popel auf, den ein alter Mann mit mittelgroßer Nase soeben aus derselben gefischt hat. Deshalb muss Blankas Blick weg von Flatterviechern und Besuch und Nasen und treibt zum Horizont, wo dicke Dampfer stumm und allmählich die Lichtdeckchen des Maramameeres bügeln. Dieser visuelle Schlager öffnet Blanka Beiruts Herzschrank, legt die Deckchen dort aus, und prompt findet der Nymphensittich darauf auch noch seinen Nachmittagsschlaf.











Sonntag, 4. März 2012

angeknabberte Wolken, Wogelesieg

Vogel und Wolke

Onkel Vogelfänger!
Wir haben Vögel
Und auch einem Baum.
Gib uns nur etwas Wolke
Für einen Zehner.

(Orhan Veli)

Der Himmel ist heute eine Stunde lang grün und grau wie Kinderrotze. Trotzdem hat der Nymphensittich Wolken angeknabbert. Und Teile davon auch noch in Blanka Beiruts Handtasche versteckt. Deshalb ist diese nass, und über ihnen regnet der Regen, yağmur yağıyor! Und es schneit. Ach nein, der Schnee regnet doch auch. Zumindest auf Türkisch. Und überall in Istanbul. Auch in die Sprachschule hinein, wo Blanka Beirut den Bären namens Ayı wiedertrifft. Der tobt dort. Ehedrama auf Türkisch und schon fallen Kurse ins Regen- und Schneewasser. Zumindest in der Rede und vorübergehend.

Aber Blanka fällt mit und erkältet sich. Mit Schnupfen, Halsweh und einer Mitschülerin setzt sie sich ins Nachbarschaftslokal, das aber gerade dabei ist, zu schließen. Nichtsdestotrotz wird extra für sie noch ein Tee zubereitet. Als sie bezahlen wollen, winkt der Wirt ab. Wozu denn auch? He's a doll, behauptet die Klassenraumfreundin daraufhin und verdoppelt ihr Grinsen.

Auch in die Ausstellung am Abend regnet es, und zwar große walwuchtige Glastropfen und kleine. Zu einem Vorhang aneinandergeknüpft auf dem Filzboden liegen sie, geköpfte Glasblasen, Frucht entwichen. Einer muss Onkel Vogelfänger entstiegen sein, denn der steht plötzlich da und will seine Wolkenstücke wiederhaben. Doch der Nymphensittich tauscht schnell die richtigen Konsonanten, und nun ziehen statt Wolke und Vogel blasse Wogele und Volk durch das Glasblasenkunstgemenge. Da muss Onkel Vogelfänger passen, denn Onkel Volk liebt seine Tiere.

Sonntag, 26. Februar 2012

von redekapris und zeitkostüm

Armut piş ağzıma düş
Birne werde reif und fall mir in den Mund

(türkisches Sprichwort)

Armut heißt Birne und davon singt der Bär in allen seinen vierzig Liedern. So zumindest türkische Redekapris der Straßen im Zwielicht, der staubigen Hinterhöfe von flimmernder Paradiesbox und Palast und Goldhorn. Hinter zwei von sieben Bergen. Dort wohnen auch die Maronimannen, die ohne Kleinehexenzauber frierend auskommen müssen. Wegziehen sollen sie, und Platz machen, für alle Handtaschen der Welt, vorausgesetzt sie sind gefüllt. Kindliche Brauenwackelblicke begehen deshalb versuchten Mord an Blankas Beiruts Handtasche. Leider ist da kein Geld drin, nur der Nymphensittich, der nun hastig sein erstes türkisches Lied singt. çikçik çikçik çikçik. Da entspannen sich die Brauen, stellen sich als Tayfun vor und erklären der bleichen Blanka die richtige Erzählzeit. Bir varmış bir yokmuş. Es war eins, es war keins. Oder eins gabs, eins gabs nicht.

Ach so! Jetzt kommt Blanka wieder zurecht. Im Deutschen gibt’s dieses märchenhafte Perfekt zwar nicht, aber wen kümmerts?

Im neuen Zeitkostüm federte Blanka Beirut an einem kahlen Birnbaum vorbei. Geschickt wich sie senffarbenen Vogelexkrementen aus der Luft aus.

Nach der ganzen Zeit Geld Aufregung half ein Tee im Schicksalslokal, kismet lokantası, durch eine dick lackierte Vanillepudding-Schokoladenpuddingtür an einem stummen Chor sternförmig drapierter toter Fische mit offenen Mäulern vorbei. Der Tee aber wurde serviert aus silbernem tischhohen Kannenreiher und mit guten Geistern und Blick auf bonbonfarbene Häuser. Auf der Straße tranken Uniformierte Tee mit dem alten Sänger, dessen kleiner Enkel ihm bis nachts das Mikrophon hielt. Bir varmış bir yokmuş.

Sonntag, 19. Februar 2012

Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 5

sitzt ein kleiner Engel, der ist nicht recht froh: Ich möcht so gern einmal laut und falsch singen
ich möcht für's Leben gern toben und streiten, oder in einen sauren Apfel beißen.

Erica Pedretti


Auf der Brücke nach Eminönü wird Blanka Beirut mit aufgehaltener Hand als Hoca angesprochen. Oder hat sie sich verhört? Hodscha? Das kann nur an Pedrettis kleinem Engel liegen, der in ihrer Handtasche eingezogen ist, weil er unbedingt mal wieder in einen sauren Apfel beißen will. Dort erzählt er dem Nymphensittich vom Himmelgut und dem langweiligen Leben als Gesangsknabe.

Saurer Apfel? Der Engel möchte eine verschmähte Präsidentenspeise? Aber sofort kreischt der Nymphensittich optimistisch mit Mizmarstimme los. Und mit dem Engel auf dem Rücken fliegt er irgendein Mülltütengelände. Blanka zieht Granatäpfel vor und bootet deshalb allein nach Asien rüber. Auf der Fähre Vapur trifft sie eine Amerikalı , die schon neun Jahre in Istanbul lebt und mit einem Mann diskutiert, der sich gerade eine zweite Frau für 5000 Lira angeschafft hat. Dieser jammert nun, er habe kein Geld mehr. Zweite Frau gekauft? Aber doch nicht in Istanbul, sagt Blanka. Aber doch doch in Istanbul, sagt die Frau und lässt den Frauenkäufer links liegen.

Sie nimmt Blanka Beirut mit in ein Lokal, wo ein wärmendes milchiges Getränk mit Zimt serviert wird. Irritiert und mit einem Anflug von Gereiztheit und diskretem Schnee, gewahrt Blanka dessen Spermakonsistenz. Erst hinterher erfährt sie, dass das Getränk aus dem Pulver einer Orchideenwurzel hergestellt wird. Mannsknabenkraut. Orchis mascula. Mascha'allah! Gehört das denn nicht auf die schwarze Liste der für Frauen verbotenen Lebensmittel? Doch nicht in Istanbul, sagt die Frau.

Genau in diesem Moment schießt der Nymphensittich aus der Luft in Blankas Handtasche. Der Engel mit, und er singt, apfelgestärkt, so laut er kann falsch in Blankas Glas. Endlich kann Blanka alle Vorbehalte zärtlich schwärzen und das berühmte Getränk, nun klanggewürzt, genießen.






Dienstag, 14. Februar 2012

Samstag, 11. Februar 2012

Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 4

Es war einmal ein Fisch mit Namen Fasch
der hatte einen weißen Asch
er hätte keine Hände zum Arbeiten nicht
Und er hatte keine Augen zum Sehen im Gesicht
In seinem Kopf war gar nichts drin...

Berthold Brecht

Auch in der fremden Stadt verbringt Blanka Beirut die Tage mit Buchstaben und Sätzen. Sie filetiert Texte und schneidet Wörter auseinander. Dabei achtet nicht sie auf das Geschrei auf dem Blatt. Nur der Nymphensittich nimmt den Aufstand der Silben wahr und macht Blanka bittere Vorwürfe. Wie als Unterstreichung knallt der gestreifte Nachbar von gegenüber etwa alle 15 Minuten mit seiner Autotür. Das Vogelvieh beruhigt sich erst wieder, als Blanka zum Trost die Silben türkisch mit Suffixen bestickt. Da dürfen die Dots abgeschnitten und mit Feigen, Olivenöl und Pfefferminz zu einer Nymphenbowle vermischt werden. „I, ı, ı, ı, ı“ , lacht da der Nymphensittich, denn er hat diesen eierförmigen Vokal am rechten Kehlfleck. Damit wäre Tag gerettet.
Wenn es nicht nicht die Faschfische gäbe.
In Deutschland dürfen sie Verstecken spielen, damit die Behördehorden sich nicht mehr so mopsen. Und die arabischen beunruhigen die Region. Aber nicht durch Erscheinen, nein durch bedrohliches Verschwindenwerden. Der syrische Kongkingfaschfisch mit seinem zahnweißen Asch darf nicht stürzen, munkelt man auf arabisch und farsi und hebräisch. Und auf chinesisch und russisch eilt man zur Hilfe.
Beim Kuafför ist man anderer Meinung. Der hat unter den Augen zwei Schatten wie schwarze Schälchen zum Auffangen von Tränen und hatte Verwandte in Homs. Er schneidet lustlos. Und bürstet rund, und das obwohl Blanka sagt: Nein! Erst als sie den Tee ablehnt, kommt Leben in das blasse Gesicht. Also nimmt Blanka doch Tee. Und hört die Geschichte!
Und eine andere, die später mit einer Plastikmelodika von einem neunjährigen Blusenkind im Eismantel auf der Treppe zur U-Bahn stockend erzählt wird. In großer türkischer Vokalharmonie. Büyük ünlü uyumu.

Samstag, 4. Februar 2012

Wörtmüsikler - Wortklavier und Tagebuchstaben vom Bosporus 3

Dann guckten wir lange in die Sonne, dann guckten wir in unsere Augen – goldene Augen. Dann guckten wir auf die Bäume, dann guckten wir in unsere Augen- grüne Augen. Dann guckten wir auf die Erde. Ali sagte: „Fang an!“
...
Emine Sevgi Özdamar – Das Leben ist eine Karawanserei

Immer der Nase nach. Über die Galata Köprüsü. Mokkageruch zeigt den Weg zum ägyptischen Basar. Sollte so sein. Aber Blanka Beiruts Nase findet sich gar nicht zurecht, angesichts der olfaktorischen Übergriffe auf der Brücke. Und die war ihr ganz anders versprochen worden! Zufriedene Angler, malerische Möwen, sentimentale Musikspieler, sanfter Fischgeruch, melancholische Katzen, schwarze Frauenaugen von singender Meerenge. Vor lauter Katzenpippifisch und anderem Müllgestank, die wie in eine Wohnung in Blankas Nase einziehen, sieht sie gar nichts. Blanka, dann musst du gucken! meckert der Nymphensittich, nicht riechen! Also schaut Blanka sich und den Wassern lang angestrengt in die Augen. Graue Augen. Dann schaut sie in den Himmel: Graue Augen, dann schaut sie auf die Brücke, Schneematschaugen. Ali sagte: „Fang an!“ Und der Bazar fängt an. Hinter der Brücke.
Kümin, Kärri und Biber kauft sie ein. Überraschung: libanesische Töne am Stand. Da kommt Heimatparfüm auf!
Den Nymphensittich ziehen Knautschgummischreie in den Rosenhauspark. Riesenvögel in Platanen vor riesigen Nestern. Und ein Halsbandsittich. Blanka will das nicht glauben und macht sich an den Aufstieg hinterher. Aber tatsächlich: giftgrünes Federvieh schnäbelt mit ihrem eigenen. Als ob sie in Köln wären! Den Nymphensittich kriegen keine zehn Blankas mehr hier weg!
Auf dem Heimweg, ohne Vogel und wieder durch Istanbul, zählt Blanka die Brückenberufe. Angler, Wieger, Zigarettendreher, Fischverkäufer. Alle männlich. Aber die Sonne kommt, günesch-echt. Blanka guckt dem Bosporus in die Augen. Dann guckt sie sich in die Augen: grüne Augen.