blanka beirut: gedanken,ideen, wortgestecke und satzbrechungen zum tage aus libanesisch deutscher schriftstellerinnensicht

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Montag, 18. Juli 2011

krankes Geld und abadan - niemals

Singen wie jeden Morgen,
in jenen ungebückten Stunden…

(Amir Shaheen)

abadan - niemals! Ein gutes Motto für den Tag und keine Urheberechtsverletzung, denkt Blanka Beirut als sie am frühen Morgen aufsteht. Sogleich stellt sie fest, dass sie für die ungebückten Stunden mit Gesang von flügelfrisch Vogelvolk zu kurz ist. Doch der Sommer stelt sich wie ein guter Freund an Blankas Seite und hellt die schreckliche Stundenlänge auf wie Tunnellampe. Auch wenn Blanka so kurz bleibt wie sie ist, gibt’s im Garten Insektenautobahnen und Hibisküsse, nämlich Krankheit des geliebten Euro Geld Geld Geld. Also nichts wie weg an die Westseite der Wohnung des Kollegen, in der es zwar keine Pieppiepfrequenzen gibt, aber echten Mokka aus Nazareth. Mit Masboutmenge Zucker gekocht. Arabisch sei der Kaffee, nicht palästinensisch, sagt der Besitzer. Zweimal. Darüber grübelt Blanka den ganzen Abend. Auch noch, als rund um das Haus bereits Nordseite mit Seeklima und starker Brise herrscht, und die Nachrichten wegwehen wie der Euro. Als Blanka wieder nach Hause geht, sieht sie, wie ein Mann mit lila Gesichtshaut Geld zählt. Eine zahnlose Frau mit Gräben und Hügeln im Gesicht sitzt neben ihm auf der Straße und tippt währenddessen Lotto auf wenigstens zehn Scheinen. Sie lässt die Augen lange über den Zettel schweben, bevor sie ein Kreuzchen macht. Hin und wieder tippt sie mit dem Finger auf dem Zettel hin und her, so als ob sie ihr Glück sorgfältig errechnen würde. Im gegenläufigen Rhythmus beginnt der Mann erneut zu zählen. Minute um Minute hält er weniger in der Hand. Da kommt der Nymphensittich zurück aus Kroatien, fächert vornehm grau wertlose Kuna und Glück aus seinen Flügeln.

Samstag, 9. Juli 2011

Sternfibel und das Schicksal der Araber 3 / Juli/ julio/ 25/ chamsa’a’uaschrien


„Što bilo, bilo.“
Was passiert ist

Ist passiert.“

(kroatische Redensart)

Ein kroatischer Abendvogel lockt Nymphensittich und Blanka Beirut mit entschiedenen Staccatopfiffen; ruhiges Tempo, andante, abertausend Mal wiederholt. Viervierteltakt, drei Schläge Nachtpause. Nachtpause auch am Tag im istrischen Internetcafé und am Porat. Blanka schaltet von Weltneuigkeiten Abgrund ab. Stattdessen Paradiesbarke auf slawischen Buchstaben, Sternenhochbetrieb, Freundlichkeitskarawanen und Grillensaison auf dem trockenen Hügel vor Blankas Ferienzimmer. Über den krabbeln am nächsten Morgen wie blaue Zukunftskäfer über Grünschädel kleine kompakte Mähgeräte bis alles kahl geschoren. Und bereits den zweiten Tag arbeiten die Ameisen vor dem Tor an der Leiche einer Grille.

Selbst hier, unter unversehrter Bläue des Himmels, kann nun jeder Libyen von Libanon unterscheiden. Bismillah! Was eigentlich ein Grund zur Freude wäre. Doch vierzig entsetzte Fischaugen protestieren auf Blankas Mittagsteller. Bis sie aufsteht und am Porat entlangwandelt. Leerstehenden Ferienanlagen aus Vorkriegszeiten munkeln; und auf den alptraumfarbenen Fassaden verewigt: die Tränenchiffre der Flüchtlinge. Doch was passiert ist, ist passiert, und nun kommen eben kaum noch Gäste hierher, bedauert eine Lokalbesitzerin mit mildem nilpferdbreitem Lächeln. Als Blanka wieder zuhause ist, erfährt sie, dass das demokratisch überlegene Deutschland die saudiarabischen Kingkongs für den Krieg gegen das eigene Volk mit 200 Panzern ausstatten möchte.

Samstag, 2. Juli 2011

Sternfibel und das Schicksal der Araber 2

Veränderung ist nichts,
was man importieren
kann..

(Joumana Haddad, Libanon)

Blanka Beirut muss immer an den aufwühlenden arabischen Frühling denken. Auch hierzulande gibt’s Revolution. Nur viel bequemer für das Volk. Man muss nur neue Geschirrspültabletten kaufen und schon wird die Revolution mitgeliefert. Steht jedenfalls auf der Packung. Der Nymphensittich fliegt entsetzt über blanken Stamm einer Birke, wischt Wortfische fort und vermeldet plärrend „Früden“ und „Demokräh-ßy“. An den Wurzeln der Birke wedeln breite Fächer Scharfgarben über Kerzenkönige und Malvenvolk. Später sammelt Blanka das Geschenk Veränderung auf, korrigiert Konsonanten und Vokale und füllt es in kleine Päckchen als Mitbringsel für die Familie im Zedernstaat. Die Revolution aus der Packung kommt auch in den Koffer. Das kann ja nicht schaden. Nun nichts wie zum Flughafen. Doch Kopfweh und Herzgeräuschaufkommen am Eincheckschalter sagen Blanka Bürgerkrieg. Bürgerkrieg! Auch die Knochen murmeln erinnernd aufgescheucht durch Haftbefehle gegen die Mörder des libanesischen Staatsmannes. Mitglieder der Partei Gottes, die, die den Halbmond grausam annektieren, sollen dabei gewesen sein. Der Koffer ist sowieso zu schwer und der Zoll will Blankas Geld. Und dann klebt auch noch ein Kaugummi an Blankas Laufsohle. Wie soll man da verreisen? Der Nymphensittich weint im Leichtlaub der Birke um Mond und Land. Blanka aber rieselt winselwinzig in roadmovie accessories*.

*Titel einer Komposition von Morten Skoovgard Danielsen

Samstag, 25. Juni 2011

Sternfibel und das Schicksal der Araber

Die Sterne spielen keine Rolle
Außer mir das Lesen beizubringen.
(Mahmoud Darwisch)

Blanka Beirut feiert die leibliche Gegenwart des Allmächtigen zwischen Grau und Zeilen und dann unter falschem Nordseewandelhimmel in Köln. Auf der Straße liegen Gekotztes, brötchengroß, und verlorene Schokolade. Die einfältigen Tauben glauben an einen Festtagstisch und picken ohne Umschweife. Gekrümmt auf einer Bank, wie ein verzerrtes Fragezeichen, dämmmert ein Trinker ihnen entgegen. Das ist der Stadtklang des heutigen Tages. Gespenstisch wie neue Misererekomposition. Auch in Syrien ruft man Miserere, vergeblich, auch an der syrischen Grenze gibt es keinen Horizont mehr, man wird aus dem Land geschossen. Und das Nachbarland mit glühenden Fratzpanzern angebährdet. Wo ist das Sternlesebuch geblieben?, fragt sich Blanka. Es lehrt wohl nun nicht mehr, selbst am Stadtbach nicht, an dem dünne Baumstämme, wie florales Besteck Ordnung spielen. Ach, Blanka, sagt der Nymphensittich, Kismat heißt nun mal Schicksal und nicht Kiss mich. Kiss mich, o gott aber flott, kreischt er fröhlich und schnabelstübert rum. Blanka springt auf, greift sich das Baumbesteck und macht damit Brotbrecherei. Das ist doch nicht verkehrt, wenn man bedenkt dass im Zedernstaat alles unter einem Dach und in einem Fach geordnet und erlaubt war: Brotbruch und Schafkehlenbruch. Alles zu seiner Zeit. Plötzlich erinnert Blanka, dass sie mit Samir Kassir, der das arabische Unglück an den Blick des Westens gekettet wusste, Geburtstag hat. Am selben Tag. Und da plötzlich kommen Sterne wieder, jeder einzelne ein Westauge, das Arabische Welt nicht entziffern will. Blanka nimmt ein Tuch und poliert leiblich gegenwärtig...

Samstag, 18. Juni 2011

Wäsche Wort Abend/ Juni/ / junio/ 22/ tnen’uaschrien

großmutter war ein lampenschirm

großvater war ein teekessel

ich war eine kleine vergessene olive...

(Nora Iuga)

Blanka Beirut steht, wie der Zufall es will, vor einem Unterwäschegeschäft namens Taha. Was bedeutet das gleich? Libanonunterhosen in Tahakleid? Nein! Der Name einer Sure ist das. Dass sie sich nicht schämen, ruft Stella Stambul, die Rentnerin aus der Türkei, die bei Blanka zu Besuch ist. (Und schäumen!, denkt Blanka.) Ein Unterwäschegeschäft so zu taufen. Ach was, kichert der Nymphensittich, es ist gar nicht getauft. Na na, dann mal schnell ab in die französisch-arabische Lesung, denkt Blanka. Doch die ist ein Langeweilegewitter. Klumpige Moderatorenwolken mit Klischeehäubchen. Die preisgekrönte algerische Autorin beantwortet deshalb Fragen mehrmals mit: Ich weiß nicht, oder: Ich erinnere mich nicht an die Stelle. Das findet der Nymphensittich sehr gut, er teilt die grauen Strähnen mit dem Star und kräht: Gute Inszenierung, Autorin. Blanka gähnt und erfährt von Stella Stanbul neueste Neuigkeiten von Ohr zu Ohr. Kurz bevor die Letztere aufbricht, um sich mit dem Handy besser zu amüsieren, teilt sie Blanka genau mit, wie viele Tüten Joghurtgums sie ihren Enkeln in die Türkei mitbringen wird. In der Nacht hat Allah ein Einsehen und bringt der Welt einen Marokkokönig auf Rückwegen und Blanka Beirut eine neue Nichte hinter das Mittelmeer. Zwischen Lampenschirm und Teekessel. Layana heißt sie und Blanka wie Blanka und überstrahlt den unsäglichen Wortabend mit ihrer Sternfarbe. Der Storch bändelt nach getaner Arbeit mit dem Nymphensittich an.